Die Gemeindepädagogik wird 40 Jahre alt

Auf den Seiten zur Einladung zum Fachtag und Empfang wird aufgefordert, zu diskutieren, zu erzählen oder Beiträge im Blog zu senden. Lebendig sehen diese Seiten nicht gerade aus. Viel passiert da nicht. Wie ist das zu deuten? Ist die Gemeindepädagogik tot? Ist diese Hoffnung nun endgültig gestorben? In der kleiner werdenden Kirche in der DDR sind mutige Reformen diskutiert worden. Die Mutigste, vier Berufe sollten miteinander gleichberechtig überregional zusammen arbeiten: Der Gemeindetheologe, der Gemeindepädagoge, der Gemeindemusiker und der Gemeindesozialarbeiter. Die traditionellen kirchlichen Berufe sind erkennbar. Das Neue, sie sollten alle auch alle Ämter/Kasualien wahrnehmen und nach einem vierjährigen Studium und zweijährigen Vorbereitungsdienst nach einer Ordination die gleichen Rechte und die gleiche Bezahlung erhalten. Nun gut, ganz so mutig waren auch die DDR-Kirchen nicht, doch immerhin sollte mit dem Gemeindepädagogen ein gleichberechtigter Beruf zum Theologen in die kirchliche Landschaft einmarschieren. So begann dann auch die Ausbildung mit dem z. T. großen Enthusiasmus, mit uns geschieht was Neues in der Kirche. Wir verändern Kirche und Gesellschaft!

Lest dazu bitte auch nachfolgend meinen Beitrag zum Buch „Widerstand in Potsdam“ Die Potsdamer Pflanze.

Wie sieht es heute aus. Nimmt man die nicht stattfindende Diskussion auf diesen Seiten zum Maßstab, dann ist die Pflanze verdorrt.
Und die Kirche? Sie hat sich mit dem staatlichen Kirchensteuereinzug, der Bezahlung der Bischöfe durch den Staat, der staatlich finanzierten Theologenausbildung, dem staatlich subventionierten Religionsunterricht und der Militärseelsorge so sehr in das Bett des Staates gelegt, dass die Botschaft Jesu kaum noch durchscheint. Wo ist die Kirche bei den Bedrängten dieses Landes, wo gibt sie glaubhafte Antworten auf drängende Zukunftsfragen?

Die Kirche scheint sich eingerichtet zu haben und weiß noch nicht einmal, wie sie den Mitgliederschwund wenden soll, sprich: glaubhafter Zeugnis ablegen kann. Da darf man gespannt sein, welche Anregungen auf dem Fachtag vom künftigen Bischof Stäblein zum Thema „Kirchenreform durch Ausbildungsreform“ kommen werden. Vielleicht sollte er noch einmal sich die Diskussionen und Beschlüsse der DDR-Synoden der 70er Jahre ansehen. Die kleiner werdende Kirche hatten wir damals auch. Und, eine unabhängige Kirche konnte zum wesentlichen Antrieb der friedlichen Revolution werden.

Frank Otto (Dozent von 1982-1997), aus: Widerstand in Potsdam, be.bra verlag berlin-brandenburg, 1999, S. 139ff
Frank Wernick-Otto / 1998 heute nur noch Frank Otto

Die Potsdamer Pflanze – Ein Rückblick

„Kleines Senfkorn Hoffnung…“, wie oft haben wir wohl dieses Lied gesungen. In Potsdam stand auf einer kleinen Insel in der Dieckmannallee 5/6 (heute: Alleestraße), umgeben vom wogenden Straßenverkehr ein kleiner Senfbaum (die GPA), der vielen Ermutigung war.
Mein Weg mit den Gemeindepädagogen begann 1982, nachdem ich wegen „pseudopazifistischer Beeinflussung von Schülern“ (O-Ton: Stasi) fristlos aus dem Schuldienst entlassen wurde. Wie vielen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen stellte sich mir in jener Zeit die Frage: Ausreiseantrag oder innere Immigration? Ich entdeckte mit Hilfe meines Ortspfarrers etwas Neues, nahezu Revolutionäres in Potsdam. Da war heimlich, still und leise innerkirchlich Großes geschehen. Die in der Kirche seid ihrer Gründung streng hierarchisch gegliederte Mitarbeiterschaft mit dem Vorsteher (Pfarrer) an der Spitze, wurde aufgebrochen und ein weiterer Beruf, nahezu gleichgestellt, daneben gesetzt. Mit diesem neuen Beruf des Gemeindepädagogen (Die Ausbildung begann 1979), welcher nach vierjährigen grundständigen Studium und zweijährigen Vorbereitungsdienst die Weihen der Ordination empfing, fand eine der bedeutendsten Änderungen der im Bund der evangelischen Kirchen der DDR zusammengeschlossenen Kirchen ihren sichtbaren Niederschlag. Was damals das Überraschendste für mich war, war die Tatsache, dass in praxi in der DDR eine Einrichtung existierte, in der fortschrittliche, emanzipatorische und partnerschaftliche Pädagogik wirklich gelebt wurde. Studenten bestimmten in allen Belangen mit und lernten so von Anfang an, auf dieser zutiefst demokratischen „Insel“ Verantwortung zu tragen. Wir verstanden uns als Lehr- und Lerngemeinschaft. Wir lebten das mit Haut und Haar, was im Westen zumeist nur als Zielvorstellung in manchen Büchern, vor allem der sogenannten 68er stand. Wir erlebten Kirche, die in ihrer kritischen Distanz in Teilen glaubwürdig sein konnte und dafür zu Recht bei vielen Nichtchristen Achtung und Anerkennung genoss. Wir mussten nach 1989 zur Kenntnis nehmen, dass unser Ansatz schon aus formal-rechtlichen Gründen aufgegeben werden musste. So viel Demokratie und Gleichberechtigung, wie wir sie uns erarbeitet haben, ist in dem jetzt geltenden besitzstandsschützenden Hochschulrahmengesetz nicht vorgesehen.

Ein Begleiter dieser Ausbildung war der heutige Ministerpräsident Manfred Stolpe. Als damaliger Sekretär des Bundes hat er mindestens eine große Aktie an der Findung und Sanierung der geeigneten Räume in der dann nahezu legendär werdenden Villa in der Dieckmannallee. Hier landeten viele Leute an, die in der Kirche und eben oft auch in der Gesellschaft etwas verändern wollten. Nicht wenigen waren andere Studienplätze verwehrt. Manche nahmen in der GPA nur die Chance und das Menschenrecht auf Bildung ihrer Persönlichkeit wahr. Die Stasi notierte folgendes: „Die GPA ist eine zentrale Ausbildungsstätte des Bundes der Evangelischen Kirchen der DDR, an der Jugendliche/ Jungerwachsene im Alter von 20-35 Jahren eine kirchliche Ausbildung zum Gemeindepädagogen absolvieren… Bei der Mehrzahl der Studenten handelt es sich um Personen, die bereits vor der Studienaufnahme wegen aktiv feindlich-negativer Handlungen in das Blickfeld des MfS gelangten. Auch während des Studiums setzt sich diese Tendenz fort, da die feindlich-negative Haltung durch die Rektorin der GPA, (M.H.), und die Mehrzahl der Dozenten toleriert bzw. unterstützt wird. Ergebnis ist eine Konzentration von Personen mit feindlich-negativer Grundhaltung.“ Trotz einiger bekannt gewordener Anwerbungsversuche der Stasi konnte nach heutigem Wissen kein inoffizieller Mitarbeiter (IM) gewonnen werden.

Die Adresse der GPA war in Potsdam und über die Stadtgrenzen hinaus einschlägigen Kreisen wohl bekannt. Veranstaltungen benötigten keine farbige Hochglanzwerbung. Die Mund-zu-Mund-Propaganda und gelegentlich ein Aushang in der Stiftungs-buchhandlung sorgten stets für ein interessiertes Publikum. Höhepunkte waren die kreativ gestalteten Feste im Sommer und im Herbst. Für Lesungen, Konzerte und Diskussionen standen die zumeist dienstags stattfindenden Bierabende zur Verfügung. Die taz berichtet beispielsweise am 4.12.86 von einer Gedenkveranstaltung 10 Jahre nach der Biermann-Ausweisung: „50 junge Leute, Anfang bis Mitte zwanzig sind der Einladung unter den harmlosen Titel ‘ten years after’ gefolgt, um sich daran erinnern zu lassen, wer dieser Wolf Biermann war.“ Freilich wurde die tazfrau Lisette Kranzbühler gebeten, den Ort zu verfremden. Manche können sich sicher vorstellen, dass solche Veranstaltungen auch innerkirchlich Ängste hervorriefen. Was war machbar? Wurde möglicherweise die Ausbildung gefährdet? In der GPA wurde die Gratwanderung bewusst gesucht. Ergebnis: Der aufrechte Gang. Der gelungene Versuch, sich 1983 am Pfingsttreffen der FDJ zu beteiligen, Tagungen, die kritisch zur Volksbildung Stellung nahmen, Engagement für die Dritte Welt (Wir spendeten 1% unseres Haushalts für ein Projekt in Sambia.), Infragestellung des Wehrdienstes, Engagement für den Erhalt der Potsdamer Innenstadt u.v.m. rechtfertigten das Misstrauen der Stasi. Im inoffiziellen Potsdamer Kulturkalender der Vorwendezeit hatte die GPA ihren guten Platz. In den späten 80er Jahren dehnte sich die Aktivität noch weiter in die Innenstadt hinein aus. Im Wohnheim in der Gutenbergstraße 78 waren die Art-Ausstellungen mit artgerechten Beiprogramm – alles selbst gemacht und selbst produziert – eine Bereicherung für die Kunstszene Potsdams und ein Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Ausbildung der Kreativität beimaß.

Die Wende hat in der GPA schon früh begonnen. Hier lernten viele – und ich zähle mich dazu – auf ihr Herz zu hören und den Kopf zu gebrauchen. Konflikte wurden in guter Weise demokratisch bei Beachtung abweichender Positionen geregelt. Feminismus war kein Fremdwort. Die Bibel sprach oft sehr politisch. Und wir waren in Potsdam und damit in der Gesellschaft verankert. Wir waren für das, was 1989-1990 geschah innerlich gerüstet und wurden dennoch von mancher Entwicklung überrascht. Ich habe für mich folgendes Bild gefunden: Wir haben jahrelang mit einem Hämmerchen an eine Staumauer geschlagen, wohl oft selbst nicht daran geglaubt, sie zum Einsturz zu bringen. Als dies dann geschah, merkten wir bald in all unserem Aktionismus, dass wir nicht das Bett für die hereinbrechenden Wassermassen gegraben hatten, es wohl auch nicht hätten graben können.

Konkret wurde eine mögliche Wende an der GPA erstmals 1988 erfahren, als wir unseren Semesterplan änderten, um am Olaf-Palme-Gedenkmarsch teilzunehmen. Wir kamen wieder mit der keimenden Hoffnung: Veränderung ist machbar. Dank Gorbi schien diese Hoffnung auch erstmals realistisch zu sein. Ganz anders die Stimmung beim nächsten Studienjahresbeginn 1989. Die Ereignisse des Jahres, beginnend mit der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration und Verhaftung von Bürgerrechtlern im Januar, der so offensichtlich manipulierten Kommunalwahl im Mai, der Reaktion der DDR auf die Niederschlagung der Demokratiebewegung in China Anfang Juni, dem IX. Pädagogische Kongress, der die Erstarrung noch einmal so richtig sichtbar machte Ende Juni und schließlich der Massenflucht aus der DDR als Abstimmung mit den Füßen, die sich bleiern auf viele legte.

Gemeindepädagogen hatten jedoch gelernt, sich einzumischen und sich nicht mit noch so übermächtig gebenden Strukturen in Kirche und Gesellschaft abzufinden. Vor der Kommunalwahl hatten wir zwei Kandidaten eingeladen, sie befragt und die Rechtmäßigkeit ihrer Auswahl in Zweifel gezogen und uns am Tag der Wahl zur Auszählung in die Wahllokale begeben. Hans-Georg Baaske, ein ehemaliger Student, hatte später maßgebend den Protest gegen den Wahlbetrug mit organisiert. Für China haben wir in der Erlöserkirche mit getrommelt. Zum IX. Pädagogischen Kongress hatten wir eine differenzierte Eingabe geschickt und eine weitere Tagung organisiert. Zu dieser kamen immerhin ca. 60 Menschen, die etwa 30 Friedens-, Menschenrechts-, Frauen- und Ökologiegruppen repräsentierten. Diese stellten ihre Arbeit vor: Da wurde das Frauenbild im Lesebuch und die Lehrpläne analysiert, Schulmodelle entwickelt, das herrschende Menschenbild infrage gestellt u.v.m. Der Traum von einer neuen Schule lebte. Kein Wunder, dass sich später am zentralen Runden Tisch in Berlin im Ausschuss „Bildung, Erziehung und Jugend“ viele wiedertrafen. Eine Teilnehmerin, Marianne Birthler, sollte später als Ministerin unsere bildungspolitischen Träume an der Realität prüfen und mithelfen, das Schulsystem in Brandenburg umzubauen.
Der Studienbeginn im September 1989 begann dann doch wie geplant mit der Vorbereitung eines Festes zum 10jährigen Bestehen der Ausbildung. Ziemlich zeitgleich traf uns die andere Wirklichkeit, als ein Student von uns in Dresden von der Polizei grundlos geschlagen wurde. Wir versuchten uns dennoch zunächst auf unser Fest zu konzentrieren. Würdigungen dessen, was wir geleistet haben, kamen aus Ost und West. So kurz vor der Wende, die im September noch niemand voraussehen konnte, lobten gerade westliche Vertreter der Kirchen und Hochschulen unser Modell als beispielgebend. In die Feierstimmung mischten sich Fragen nach den Entwicklungsmöglichkeiten unserer Gesellschaft. Das begann im engeren Umfeld, in der Stadt Potsdam, indem es der ehemalige Student Michael Heinroth mit anderen schaffte, sein Leiden am Zerstören der barocken Innenstadt mit einer Ausstellung „Suchet der Stadt Bestes“ in der Nikolaikirche öffentlich zu machen. Das bekam DDR-weite Dimensionen als die bald überall erscheinenden, noch auf Ormig gedruckten Aufrufe, die Wände der GPA füllten: Neues Forum, Böhlener Plattform, Demokratie Jetzt, SDP u.a. Einer der letzten Besuche des Kirchenvertreters bei der Stadt Potsdam galt der Unterschriftensammlung für das Neue Forum im Studentenwohnheim in der Gutenbergstraße. Später (Ende Oktober) sollten dieselben Genossen die Kirchenvertreter einladen, um ihre Mithilfe in der Wende zu erbitten.

Eine der kribbligsten Zusammenkünfte fand mit Blick auf den 7.Oktober Ende September bei Martin Kwaschik statt. Hier schienen mir recht viele Vertreter der unterschiedlichsten kirchlichen und nichtkirchlichen Gruppen zusammenzutreffen. Wir befanden darüber, wie wir uns am „Staatsfeiertag“ verhalten sollten. Ein Teil meinte, es wäre an der Zeit, die Kirchenmauern zu verlassen und sich mit seinem Protest in die öffentlichen Räume zu begeben. Andere warnten mit dem Verweis auf mögliches Blutvergießen. Sie meinten auch, dass kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer relativ gesicherten Position wären und diese nicht missbrauchen dürften, um andere in Gefahr zu bringen. Kennzeichnend für die Atmosphäre dieser Zeit ist, dass wir uns nicht geeinigt haben. Doch einige wussten, wir treffen uns mit einer Blume am 7. Oktober um 15 Uhr auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor. Gemeindepädagogen zählten dann auch zu den Verhafteten dieses Tages. Einige hat man direkt aus dem Café Heider abgeführt.
Zufällig hatten wir am 5. und 6.10.89 Monsignore Biancucci zum Thema „Theologie der Befreiung“ eingeladen. Von jeher haben viele unserer Studenten und ich selbst, die befreiende Botschaft des Evangeliums durch diese Theologie und ihre Praxis in Südamerika buchstabieren gelernt. Biancucci wurde in Argentinien verfolgt und kam nun aus der Bundesrepublik. Spannend war für mich, aber auch für Biancuzzi, wie das Gesagte im Seminar sich schon am Abend realisierte, als wir in der Friedrichskirche für die Annullierung der Kommunalwahl und Änderungen in unserem Land eintraten. Das waren die Versammlungen, die wegen des Andrangs mehrmals wiederholt werden mussten und bei denen die Staatsmacht in den Nebenstraßen Einsatzkräfte zusammengezogen hatte.
Einen Tag nach der ersten großen Demonstration in Potsdam machten wir unsere Ausbildungsstätte zu einem Offenen Haus. Das war am 5.11.89. In einem extra eingerichteten Café wurde debattiert und von 13 bis 21 Uhr gab es aufeinander folgende Podiumsveranstaltungen. Die schwindende Staatsmacht (Herr Müller, verantwortlich für Inneres) traf jetzt direkt auf die Opposition (Reinhard Meinel, Lonny Neumann, Steffen Reiche, Rudolf Tschäpe, Wolfgang Ullmann u.a.). Ein nahezu euphorisches Gefühl begleitete uns durch diese Tage. Wir schienen den Veränderungen hin zu einer offenen und menschenfreundlichen Gesellschaft so nahe. Der Unterricht war auf eine neue Gesellschaft zentriert. Gesamtdeutschland war dabei erstaunlich wenig im Blick. Viele Studenten und ich wuselten in allen nur denkbaren Initiativen, Plattformen und Parteien. Irgendwie wurde das, was auf unserer kleinen Insel exemplarisch gelebt wurde hoffähig. Der Euphorie mischten sich dann nach dem Mauerfall auch andere Töne bei. Den letzten politisch motivierten Ausfall eines Studientages gab es bei der Besetzung der Stasi in der Hegelallee im Dezember. Weitgehend blieb die gute Stimmung aber bis zu dem für viele ernüchternden Wahlergebnis am 18.3.90 erhalten. Bei den Gemeindepädagogen, sicher einer der Motoren der Wende in Potsdam und ein wenig auch über seine Absolventen in der DDR, mischten sich bald andere Themen ein. Wie wird die Ausbildungsstätte die Wende überstehen? Werden wir auch in der Kirche westliche Strukturen bekommen? Ist unser kleiner Senfbaum stark genug gegen die vielen beharrenden Kräfte in der Kirche? Können wir dem Westen etwas geben, so wie es noch auf unserer Zehnjahresfeier von vielen als Wunsch formuliert wurde? Schnell fanden sich Arbeitsgruppen und entwickelten neue Konzeptionen. Die leitende Arbeitsgruppe trug den  euphemistischen Namen „Frohe Zukunft“. Zunächst wollten wir die vielen kleinen kirchlichen Ausbildungsstätten zu einer Fachhochschule zusammenschließen. Der Entwurf kam zu früh. Die Länder mussten erst einmal gebildet, die Zuständigkeiten bestimmt werden. In der Gründerzeit des Landes Brandenburgs schien dann dennoch vieles möglich. Die Kirchenleitung pfiff uns mit dem Hinweis zurück, dass es in Berlin-Brandenburg schon eine Fachhochschule (Westberlin) gäbe. Dass wir westliche Verhältnisse bekommen würden, war unstrittig, wie sie aber genau aussehen würden und was sie bedeuten, konnten wir erst nach und nach lernen und mussten wir manchmal auch erst bitter erfahren. Unsere ungewollte „Naivität“ teilten wir sicher mit den meisten Ostdeutschen. Nach der Wende verringerte sich die Anziehungskraft der nun umbenannten Dieckmannallee nach und nach. Die Feste blieben dennoch gut besucht. Das letzte Fest im April 1996 galt dem Gründungsrektor Dr. Peter Schicketanz. Ihn zu ehren, kamen noch einmal sehr viele, die diesen hoffnungsvollen pädagogischen Ansatz mit erlebt oder wohlwollend begleitet haben. Dieses Fest war der letzte Höhepunkt für die Gemeindepädagogen in Potsdam. Im Sommer ging der notwendig gewordene Umzug nach Berlin-Zehlendorf über die Bühne. Heute ist die Ausbildungsstätte Geschichte. Gemeindepädagogik kann man noch innerhalb des Studienganges Religionspädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Berlin studieren. Wann die Kirche wieder Hoffnung auf ein anderes Leben macht, ist momentan nicht absehbar. Wenn ich zum Heiligen See radle, fällt ein wehmütiger Blick auf das nur noch partiell genutzte denkwürdige Gebäude. Zuletzt wohnten dort italienische Bauarbeiter, die die etwas zu groß geratene Wilhelmsgalerie mit erbaut haben. Der Strauch ist verdorrt. Die Kirche verwaltet ihre Botschaft und verliert zunehmend an Glaubwürdigkeit. Doch die Keime, die wir gelegt haben, blühen immer mal wieder auf: Im Bemühen, kirchliche Strukturen an den Bedingungen vor Ort zu orientieren, im Engagement für Zu-kurz-Gekommene, im Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit, in der um ihre Existenz ringenden Jugendarbeit und in einzelnen Menschen, die sich menschenunfreundlichen Strukturen nicht anpassen wollen. „Kleines Senfkorn Hoffnung…“


Frank Otto

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